// Was eine Tuning-App überhaupt ist
Der Controller eines E-Scooters arbeitet nach einem Programm mit vielen hinterlegten Kennwerten. Eine Tuning-App verbindet sich mit dem Bluetooth Modul und schreibt entweder einzelne dieser Werte neu oder spielt ein komplett anderes Steuerprogramm auf. Am Aufbau der Elektronik ändert sie nichts.
Man unterscheidet grob drei Gattungen: Hersteller-Apps mit sehr wenigen Einstellungen, Diagnose- und Parametertools von Drittanbietern sowie Werkzeuge zum Aufspielen von Custom Firmware. Nur die letzte Gruppe öffnet den vollen Zugriff.
// Welche Funktionen sich verändern lassen
- Geschwindigkeitslimit je Fahrmodus
- Stromstärke beim Beschleunigen und als Dauerwert
- Gasannahme, also wie direkt der Roller auf den Gasgriff reagiert
- Bremsverhalten und Stärke der Rekuperation
- Feldschwächung für mehr Drehzahl oberhalb der normalen Grenze
- Motorstart, etwa Anfahren aus dem Stand statt nach Anschieben
- Tempomat und Anzeigeverhalten, je nach Firmware
Nicht jede Funktion steht auf jedem Modell zur Verfügung. Was zugänglich ist, hängt vom Controller, vom Bluetooth Modul und vom Firmwarestand ab.
// SHFW und Custom Firmware
SHFW aus dem ScooterHacking Umfeld ist die bekannteste Custom Firmware für die Ninebot Reihe. Sie ersetzt das Steuerprogramm und macht Grenzwerte in einem Profilsystem einstellbar. Aufgespielt wird sie per Bluetooth über die zugehörige Utility.
Custom Firmware bringt zwei Dinge mit: deutlich mehr Einstellmöglichkeiten und die Fähigkeit, bestimmte Fehlerprüfungen der Serienfirmware anzupassen. Beides bedeutet auch mehr Verantwortung, weil offensichtlich unsinnige Werte akzeptiert werden.
// Kompatibilität und Firmware-Versionen
Vor dem Flashen zählen drei Angaben: Modellvariante, Version des Controllers und Version des Bluetooth Moduls. Passt eine dieser Angaben nicht zum gewählten Paket, bricht der Vorgang ab oder das Modul reagiert danach nicht mehr. Auf neueren Plattformen ist der Zugang zudem verschlossen, beim Ninebot Max G3 lässt sich keine Custom Firmware aufspielen.
Ein originales Update des Herstellers stellt den Auslieferungszustand wieder her. Wer eine angepasste Firmware nutzt, sollte automatische Updates in der Hersteller-App deshalb meiden.
// Risiken falscher Einstellungen
- Zu hohe Stromwerte belasten MOSFETs und Motorwicklung thermisch
- Aggressive Feldschwächung senkt den Wirkungsgrad und erzeugt zusätzliche Wärme
- Harte Gasannahme führt zu Traktionsverlust am Vorderrad
- Zu starke Rekuperation kann das Rad bei Nässe blockieren
- Ein abgebrochener Flashvorgang kann das Bluetooth Modul unbrauchbar machen
Der Controller schützt sich zwar über Temperaturschwellen und regelt zurück, dieser Schutz ist aber die letzte Instanz und kein Ersatz für vernünftige Werte.
// Software-Tuning und Hardware-Tuning
Software steuert vorhandene Hardware anders an. Sie kann Grenzen freigeben, Kennlinien verschieben und Reserven nutzen, sie verändert aber nicht die elektrische Grundspannung des Systems. Genau dort endet ihr Wirkungsbereich: die mögliche Motordrehzahl ergibt sich aus Motorkonstante und anliegender Spannung.
Ein Umbau auf 48V ist dagegen ein Hardware-Upgrade und verschiebt diese Grundlage. Für kompatible Ninebot Max Modelle gibt es dafür ein passendes 48V Tuning Set.
// Rechtlicher Rahmen
Werden Grenzwerte über die Zulassung hinaus verändert, erlischt die Betriebserlaubnis und der Versicherungsschutz im öffentlichen Verkehr entfällt. Solche Einstellungen gehören auf privates Gelände.